Im April 2025 hatte Shopify-CEO Tobi Lütke in einem internen Memo, das er später selbst öffentlich machte, erklärt, dass reflexive KI-Nutzung bei Shopify künftig eine Grundvoraussetzung sei. Teams sollten vor Anträgen auf zusätzliches Personal oder weitere Ressourcen darlegen, warum eine Aufgabe nicht mit KI erledigt werden könne. Zudem sollte die Nutzung von KI in Performance- und Peer-Reviews berücksichtigt werden. Rund 17 Monate später zieht Lütke eine differenziertere Bilanz. In einem am 15. September 2026 veröffentlichten Interview im Podcast „The Knowledge Project" beschrieb er ein Phänomen, das bei Shopify als „Slop Grenades" bezeichnet wird: ungeprüfte KI-Ergebnisse wie E-Mails oder Code, die Mitarbeitende an Kolleginnen und Kollegen weiterreichen, ohne sie selbst zu überprüfen. Lütke schrieb den Begriff seinem Kollegen Harry Brundage zu und äußerte die Hoffnung, dass er sich weiter verbreitet. Er bezeichnete solche „Slop Grenades" als eindeutig problematisch.

Nach seiner Beschreibung soll KI eigentlich dabei helfen, Informationen zu verdichten, etwa in einer E-Mail. Stattdessen entstehen mitunter lange, unstrukturierte Texte, die kaum noch gelesen werden und anschließend von Kolleginnen und Kollegen überprüft oder korrigiert werden müssen. In der Forschung wird für dieses Phänomen inzwischen der Begriff „Workslop" verwendet: Gemeint sind überwiegend KI-generierte Arbeitsergebnisse, die zwar fertig wirken, aber nicht genügend Substanz besitzen, um eine Aufgabe tatsächlich voranzubringen.

Wie tief KI inzwischen in die täglichen Arbeitsabläufe bei Shopify eingebunden ist, verdeutlicht der interne KI-Agent River. Er arbeitet in den Slack-Kanälen des Unternehmens, kann Code lesen, Tests ausführen, Pull Requests eröffnen und auf verschiedene Daten- und Produktionssysteme zugreifen. Nach Lütkes Angaben beginnen mittlerweile rund die Hälfte aller Pull Requests bei Shopify als Slack-Konversation mit River. Shopify selbst beschrieb River bereits im Mai 2026 als einen Agenten, der unter anderem Code liest, Tests ausführt, Pull Requests eröffnet, das Data Warehouse abfragt und Produktions-Traces untersucht.

Eine 2026 als Preprint veröffentlichte Studie von Forschenden unter anderem von Alex Liebscher, Angela Yuson Lee, Kristina Rapuano, Kate Niederhoffer und Jeffrey Hancock untersuchte 962 US-amerikanische Vollzeit-Büroangestellte. 52,7 Prozent der Befragten gaben an, bereits selbst KI-generiertes „Workslop" an andere weitergegeben zu haben. 38 Prozent berichteten, Workslop von Kolleginnen oder Kollegen erhalten zu haben. Die Empfängerinnen und Empfänger gaben an, durchschnittlich rund 3,4 Stunden pro Monat mit dem Bearbeiten, Besprechen, Überarbeiten oder erneuten Erledigen solcher Arbeit zu verbringen.

Lütkes aktuelle Aussagen richten sich dabei nicht gegen den Einsatz von KI an sich, sondern gegen ungeprüfte Ergebnisse, bei denen die Verantwortung für Qualität und Richtigkeit faktisch an die nächste Person weitergegeben wird. Für Unternehmen, die selbst KI-Rollouts planen oder bereits verpflichtend eingeführt haben, liegt darin eine praktische Herausforderung: KI-Nutzung allein steigert nicht automatisch die Produktivität. Entscheidend ist vielmehr, ob Ergebnisse vor der Weitergabe geprüft, eingeordnet und von einem Menschen verantwortet werden. Andernfalls kann eingesparte Arbeitszeit bei einer Person als zusätzlicher Prüf- und Korrekturaufwand bei einer anderen anfallen.

Quellen: Shopify · Fortune · Search Engine Journal · Workslop-Studie (OSF Preprints)

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